Allgemein

Oft diskutiert: Alternativen zu ITIL

In der Service-Community wird immer wieder gerne darüber diskutiert, ob es Alternativen oder sinnvolle Ergänzungen zu ITIL gibt (siehe hier). Hierzu kann sicher jährlich eine Betrachtung durchgeführt werden, da es ständig Veränderungen und Neuerungen gibt.

Systematik

Um sich der Fragestellung strukturiert und verständlich zu nähren, ist es zunächst angebracht, sich auf eine Systematik zu verständigen. Ansonsten werden die bekannten Äpfel mit Birnen verglichen. Das ist zwar sehr beliebt aber nicht hilfreich.

Die ITIL versteht sich als Sammlung von Good Practices zur Umsetzung eines IT-Service-Managements (ITSM). Es werden Prozesse mit den zugehörigen Aktivitäten, Rollen und Werkzeugen beschrieben. Das beinhaltet somit zwei wichtige Dimensionen:

  • Es geht um ITSM; Projekte, Software-Entwicklung usw. werden nicht betrachtet.
  • Es sind Vorschläge, was für ein ITSM sinnvoll ist. Wie das konkret in der Unternehmung oder mit einem definierten Ziel zu nutzen ist, ist nicht enthalten.

Aus dem zweiten Punkt ergibt sich somit ein direkter Ansatz für Ergänzungen, da diese Inhalte nicht in der ITIL abgedeckt werden; dazu in einem Abschnitt später mehr.

Andere ITSM-Framewoks

Damit von einer Alternative zu ITIL gesprochen werden kann, muss es sich nach der hier verwendeten Systematik um einen Framework handeln, der Vorschläge zur Ausgestaltung eines ITSM liefert. Hier eine kurze, subjektive Auswahl.

FitSM

FitSM versteht sich nach eigener Darstellung als „Standard for lightweight service management in federated IT infrastructures“. Entwickelt wurde FitSM im Rahmen eines EU-Projektes im Jahre 2013. Da dort die gesamte ITIL in der Version 2011 zu mächtig erschien, orientiert man sich an ISO 20000 und der ITIL-Version 2. Die Erkenntnisse und Anwendung im Projekt bei verschiedenen Organisationen und an verschiedenen Standorten wurde gesammelt und konsolidiert.

MOF – Microsoft Operations Framework

Dieses Framework von Microsoft wurde ursprünglich aus der ITIL Version 2 entwickelt. Die letzte Version 4 ist im Juli 2008 veröffentlicht worden. Einzelne Ergänzungen wurden zuletzt im Jahr 2012 geliefert.

ITPM – IT Process Model

Dieses Modell wird seit 1979 von IBM entwickelt. Es war Teil der Grundlagen, die in die ITIL eingeflossen sind. Seit dem Erfolg der ITIL hat sich IBM diesen Framework zu eigen gemacht und seine Entwicklung zurückgestellt. Heute steht die Abkürzung ITPM bei IBM für „IBM Tivoli Provisioning Manager“.

HP IT Service Management Reference Model

HP versteht sein Modell als Alternative, wenn das ITIL-Framework als zu groß und damit entmutigend gesehen wird. Die letzte Version des Modells wurde 2003 veröffentlicht.

Keine ITSM-Frameworks

Zur Ergänzung hier noch einige Frameworks, die zwar gerne im Umfeld von ITIL genannt werden, nach jeweils eigener Darstellung aber kein ITSM-Framework sind:

TOGAFTM – The Open Group Architecture Framework

TOGAF versteht sich als Framework zur Entwicklung einer Unternehmensarchitektur und orientiert sich für den Begriff der Architektur an ANSI/IEEE Std 1471-2000.

ASL® – Application Services Library

ASL sieht sich als Ergänzung zur ITIL und will den Bereich Application Management abdecken.

Business Process Framework (eTOM)

Wie der Name schon darstellt, werden in dem Framework die Geschäftsprozesse von Telekommunikationsfirmen betrachtet. Da diese Prozesse eng mit IT verknüpft sind, hat sich das TM Forum im Jahr 2008 entschieden eine Angleichung zur ITIL herzustellen.

Ergänzungen zu ITIL

Aus der Tatsache, dass das ITIL-Framework ein „Was“ beschreibt aber nicht ein „Wie“, ergibt sich die Notwendigkeit, dafür Ergänzungen zu nutzen. Das eigene „Wie“ in der Organisation kann über verschiedene Wege gefunden werden. Es ist beispielsweise aus der Strategie der Firma oder der IT abzuleiten. Ebenso ist es möglich sich als Ziel an Normen zu orientieren. Die folgende Auswahl führt verschiedene Normen und Mess-Frameworks auf.

ISO/IEC 20000

Diese Norm ist aus der ITIL bzw. der zugehörigen britischen Norm BS15000 entstanden. Sie beschreibt in mehreren Teilen die Anforderungen und die Umsetzung zu einem ITSM. Die eigentliche Norm ist im Dokument ISO/IEC 20000-1:2011 enthalten. In der Nutzung für eine Organisation liegt die Problematik darin, dass hier im Sinne einer Zertifizierung eine Schwarz-Weiß-Betrachtung erfolgt. Entweder man erfüllt die Kriterien alle ausreichend für ein Zertifikat oder nicht. Damit ist diese Norm für eine kontinuierliche Betrachtung der Fähigkeits‑ und Reifegrade von Prozessen nicht geeignet.

COBIT – Control Objectives for Information and Related Technology

Die ISACA hat bis zur Version 4.1 den Framework als „Control Objectives for Information and Related Technology“ bezeichnet; seit der Version 5 nur noch als COBIT. Das Framework ist für die Steuerung einer IT gedacht. Zwischen COBIT und ITIL können direkt Verbindungen hergestellt werden; dazu gibt es eine gemeinsame Buchreihe der ISACA und des itSMF Deutschland e. V. Dieses Framework erlaubt eine kontinuierliche Messung über längere Zeiträume, die eine Entwicklung sichtbar macht.

ISO/IEC 15504 (Spice)

Diese Norm beschäftigt sich zunächst allgemein mit der Messung von Fähigkeits‑ und Reifegraden von Prozessen. Im Jahr 2012 wurde das Dokument ISO/IEC TS 15504‑8 mit dem Titel „An exemplar process assessment model for IT service management“ veröffentlicht. Die Inhalte sind eng an die Kriterien der ISO/IEC 20000 angelehnt. Somit steht damit der Katalog an Kriterien aus der ISO/IEC 20000 nicht nur für eine Schwarz-Weiß-Betrachtung zur Verfügung. Es ist nun möglich fortlaufend die Entwicklung der Prozesse mit Höhen und Tiefen zu messen. Das gibt den Organisationen die Möglichkeit gezielt nach ihren Bedürfnissen und der eigenen Fähigkeit zu steuern.

CMMI® for Services (CMMI-SVC)

Das CMMI® Institut stellt aktuell zu acht Bereichen ein Framework zu kontinuierlichen Messung von Prozessen zur Verfügung. Das „Service Delivery and Management“ in der Version 1.3 wurde 2010 veröffentlicht. Wie die ISO/IEC 15504 stellt das Modell eine Bewertung von Prozessen nach Fähigkeits‑ und Reifegraden zur Verfügung. Somit ist auch hier eine kontinuierliche Verfolgung, Steuerung und Verbesserung von Prozessen möglich.

Fazit

Die Alternativen zur ITIL sind dünn gesät. Die großen Unternehmen, die sich mit ITSM beschäftigen, halten stark an der ITIL fest und stellen eigene Überlegungen dazu in die zweite Reihe.

Die Suche nach einer Alternative wird von vielen damit verknüpft, dass die ITIL zu mächtig, zu umfangreich ist. Das hinterlässt den Eindruck, dass einer der Grundsätze zur ITIL nicht verstanden wurde. Die ITIL versteht sich als Sammlung von Anregungen. Daraus hat eine Organisation für sich zu entscheiden, was sinnvoll ist und was nicht. Es ist nicht gefordert, dass alle Elemente der ITIL in einer Organisation realisiert werden.

Ergänzungen zur ITIL bzgl. der eigenen Zielstellung sind durch die Normen und Mess-Frameworks vorhanden, wenn man nicht aus der eigenen Strategie ein Ziel setzen will. Dabei ist insbesondere die Norm ISO/IEC 15504 die positive Weiterentwicklung der vergangenen zwei Jahre.

Für eine tiefere Betrachtung der Fragestellung wäre es nun notwendig, sich einen vollständigen Überblick der verfügbaren ITSM-Frameworks zu verschaffen und zu bewerten in welchem Umfang sie in der Praxis zum Einsatz kommen.

Ansprechpartner: Bernd F. Dollinger <bernd.dollinger@t-systems.com>

Bildquelle: http://nhlearninggroup.com/Portals/18/EasyGalleryImages/3/673/Life-Cycle-Phases-ITIL.png

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